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Neujahrsempfang 2009





Mit Unsicherheiten schöpferisch umgehen
Wolfgang Vorländer beim Neujahrsempfang 2009 des CVJM Jöllenbeck

Von Astrid Weyermüller für Unsere Kirche

Einmal im Jahr richtet der CVJM Jöllenbeck einen Empfang für seine Unterstützer, Freunde und Förderer aus. Über den guten Zuspruch konnte sich die Vorsitzende Mechthild Schmidt freuen und nach dem Gottesdienst am 1. Februar rund 120 Gäste begrüßen. Referent und Ehrengast war diesmal Wolfgang Vorländer – Pfarrer, Wirtschaftsmediator und Berater aus Nümbrecht bei Solingen. Thema seines Referates: „Sehnsucht nach Sicherheit“, das aktueller kaum sein konnte.



Auf ein gutes Jahr für den CVJM Jöllenbeck: Elke Upmeier zu Belzen und Tobias Spilker,
die beiden 2. Vorsitzenden stoßen an mit Referent Wolfgang Vorländer und Mechthild Schmidt,
der 1. Vorsitzenden. Foto: Astrid Weyermüller

„Wir werden in Zukunft lernen müssen, ohne die Befriedigung unseres Bedürfnisses nach Sicherheit fertig zu werden“, stellt Wolfgang Vorländer zu Anfang klar; auch wenn es ein menschliches Grundbedürfnis sei und als Gegenpol zu Ängsten und Unsicherheiten erwachse. Die jedoch werden mehr. Neue Bereiche wie Nano-, Gen- und Intelligenztechnik werden unser Leben revolutionieren. Die Berechenbarkeit der Dinge lässt nach, der gesellschaftliche Pluralismus wächst und mit ihm unzählige Subkulturen und Milieus. Die Welt wird komplizierter und undurchschaubarer. Und die Urreaktionen auf Verunsicherungen – Flucht, Aggression oder Erstarrung – taugen nicht mehr zu ihrer Bewältigung. Laut Vorländer besteht die Herausforderung darin, als „Chaossurfer“ mit diesen Unsicherheiten umzugehen.

Für den schöpferischen Umgang mit dieser Entwicklung zeigte er drei Strategien auf – abgeleitet aus Erkenntnissen moderner Wissenschaft. Für seine Forschung zur Stabilität und Instabilität von Systemen wurde Ilya Priogine mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. War man grundsätzlich davon ausgegangen, dass Systeme eine Tendenz zu innerer Stabilität aufweisen, stellte Priogine fest, dass es für diese Systeme einen Punkt X gibt, an dem sie dieses Gleichgewicht nicht mehr herstellen können. Statt zu kollabieren, bilden sich jedoch neue Formen wenn Energie hinzugefügt wird. Und die sind elastischer und geschmeidiger, als die alten. Als gesellschaftliches Beispiel für einen „Tag X“ führte Vorländer den 11. September an. Als Reaktion auf den Anschlag, und um das bestehende System wieder herzustellen, reagierte die USA mit Abschottung und präventiven Kriegen, die sehr viel Geld kosten. Systeme reagierten jedoch auf Abschottung mit „Auto-Immunerkrankungen“ – „der Feind sitzt plötzlich in der Wagenburg“. Vereinfacht heißt das im Fall der USA: Geldmangel traf auf Gier und produzierte die aktuelle Finanzkrise. Ob Berliner Mauer, Gaza oder der Generationenwechsel im Familienunternehmen: Vorländer sieht Systeme auf ihren Untergang zugehen, die durch Abschottung auf Unsicherheiten reagieren. „Der einzige Weg ist der Weg nach vorn.“



Gespannt auf Neues: Kerstin Stoll stellt Pfarrer Wolfgang Vorländer vor.
Foto: Astrid Weyermüller


Eine zweite Strategie leitet Vorländer aus der Hirnforschung ab. Sie heißt „Vervielfältigung von Kommunikation“. Die Vorstellung, dass Hirnaktivitäten hierarchisch gesteuert seien, ist veraltet. „Wenn unser Gehirn tatsächlich hierarchisch arbeiten würde, hätten wir bei der Masse der Informationen, die es verarbeitet, alle einen Wasserkopf.“ Forscher haben inzwischen festgestellt, dass das Gehirn sich reziproker – also wechselseitiger – Kommunikationspfade bedient. Es sind also sehr viele und sehr unterschiedliche Kommunikationswege möglich. Eventuell ist dies auch ein Erklärungsmodell für die Kommunikationsstruktur von Insektenvölkern. In der Wirtschaft habe man teilweise begriffen, dass es hilfreich sein kann, als Manager in die Montagehallen zu gehen und die Leute nach ihren Ideen zu fragen. „Hierarchische Strukturen sind zu lang, zu teuer und haben zu viele Informationsverluste“, folgert Wolfgang Vorländer. Trotzdem würden Strukturen nach dem Delegationsprinzip weiter befördert, zuletzt etwa bei der Verstaatlichung von Banken. Er stellt dagegen: „Wer hofft, dass die Krise vorbeigehen wird und der alte Zustand wiederhergestellt werden wird, verstetigt die Krise und macht sie lebensbedrohlich.“

Der dritte Bereich, den Vorländer anspricht, sind die aktuellen Entscheidungsprozesse, die auf Daten und Datensammlungen basieren, die meist computergestützt gesammelt werden. Hätten Unternehmen bis vor einigen Jahren die Jahresberichte ihrer Abteilungsleiter bei Entscheidungsfindungen genügt, wurden es bald Halbjahres- oder Quartalsberichte. Inzwischen sind Monatsberichte keine Seltenheit und „vermutlich sollen sie bald jede Woche etwas abgeben“. Fraglich sei, ob irgendwer diese Informationsflut überblicken könne. Besonders Bernd Guggenberger habe darauf verwiesen, dass es in der heutigen Gesellschaft noch nie so große Datenberge gab, die durch keinerlei Erfahrungswissen verifiziert sind.

An diesem Punkt komme nun ein Wort ins Spiel, dem Vorländer ein ganzes Buch widmen will: Weisheit. Der Umgang mit den neuen Situationen erfordere einen Rückgriff auf ein „Weltkulturerbe der Weisheit“. „Ein einzelner Mensch kann gar nicht soviel Erfahrung sammeln wie sie nötig wäre“, ist Vorländer überzeugt. „Also müssen wir uns auf die Schultern derer stellen, die vor uns gelebt und gedacht haben.“ Benedikt von Nursia und seine Ordensregel nennt er in diesem Zusammenhang, oder den Wüstenvater Ignatius von Loyola. Beide hätten in Zeiten großen Umbruchs gelebt: „Wenn man sich in Krisenzeiten an den Rand der Gesellschaft stellt, kann man gut sehen, was im Zentrum geschieht“. Weisheit ist für Wolfgang Vorländer ein hoher Anspruch gepaart mit nüchternem Realismus, „den jedes Kind versteht“ und getragen von einer Haltung der Barmherzigkeit. „Weisheit spaltet die Menscheitsfamilie nicht.“ Quellen der Weisheit identifiziert Vorländer als Lebenserfahrung – „Wissen, das durch die Taufe des Lebens gegangen ist“ –, überlieferte Erfahrung mit ihrem Bezug auf vorangegangene Generationen, Leidenserfahrung – die niemand freiwillig mache – und „erlesene“ Weisheit. Nicht umsonst hätte es in den Klöstern immer auch Bibliotheken gegeben. Die Kurzatmigkeit der Informationsgesellschaft brauche eine „vertikale Orientierung“. „Nichts bildet uns weniger, als das Bestreben, über alles im Bilde zu sein“, bringt Vorländer diesen Aspekt auf den Punkt.